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RB #002 Risikobeurteilung – Voraussetzungen

RB #002 Risikobeurteilung – Voraussetzungen

Risikobeurteilung - Die ersten Schritte - Voraussetzungen für die Risikobeurteilung

Ein herzliches Willkommen an alle neuen und alten Zuhörer dieses Podcasts rund um die Risikobeurteilung und CE-Kennzeichnung. Mein Name ist Florian Seckinger und ich arbeite bei der GFT Akademie in der Technischen Dokumentation.

Denjenigen die diese Podcast-Reihe heute zum ersten Mal hören möchte ich auch die anderen Folgen dieser Reihe empfehlen. Darin erläutert mein Kollege Florian Schmider alle wichtigen Hintergründe, die es beim Betriebsanleitung erstellen zu beachten gilt und gibt wertvolle Tipps zu den einzelnen Inhalten einer Betriebsanleitung.

Zudem finden Sie dort auch meine erste Folge um die Risikobeurteilung, in der ich erläutere warum eine Risikobeurteilung durchgeführt werden muss und in der ich auf die wichtigsten rechtlichen Grundlagen eingehe.

In dieser zweiten Folge möchte ich die Voraussetzungen für die Risikobeurteilung behandeln. Dazu gehören alle wichtigen Informationen, die man vor der Durchführung einer Risikobeurteilung wissen sollte.

Hierzu zählen beispielsweise welche Informationen über das Produkt benötigt werden oder welche Wichtigkeit die Zielgruppe bei der Risikobeurteilung hat.

Zudem gehe ich auf die Recherche von produktbezogenen Normen ein und welche Möglichkeiten man zur Normenrecherche hat.

Ebenfalls möchte ich in dieser Folge einige gängigen Methoden zur Risikobeurteilung darlegen.

Bevor also mit einer Risikobeurteilung begonnen werden kann, müssen über das Produkt ausreichend Informationen vorliegen, um dieses bewerten zu können und mögliche vorhandene Risiken abzuschätzen.

Im Maschinen- und Anlagenbau dient diese Phase dazu mit den gesammelten Informationen die Grenzen der Maschine zu beschreiben. Dazu gehört unter anderem eine Funktionsbeschreibung mit allen notwendigen Angaben darüber, welchen Zweck das Produkt erfüllen soll. Weiterhin werden in diesem Abschnitt auch Informationen zu räumliche und zeitliche Abgrenzungen wie den Platzbedarf für die Maschine gemacht.

Alle benötigten Informationen können im Vorfeld der Risikobeurteilung aus mehreren Quellen recherchiert werden.

Das Pflichten-/ bzw. Lastenheft der Maschine bietet sich beispielsweise für den Verwendungszweck der Maschine an. Darin sind ebenfalls Einschränkungen in der Verwendung dokumentiert wie welche Materialien von der Verwendung ausgeschlossen sind.

Weitere wichtige Informationsquellen sind unter anderem:

  • Die Technischen Daten der Maschine
  • Sicherheitsanforderungen von Kunden, Behörden oder Berufsgenossenschaften
  • Vergleichsmöglichkeiten durch ähnliche Produkte oder frühere Risikobeurteilungen
  • Zeichnungen, Schaltpläne, Fotos
  • Zudem auch Dokumente wie das Angebot oder der Auftrag, die Angaben zu den finanziellen und technischen Grenzen des Produktes enthalten

Es ist ratsam die im Vorfeld der Risikobeurteilung gesammelten Informationen für eine mögliche Wiederverwendung abzuspeichern.

Hier bietet sich eine Wissensdatenbank als eine intelligente Lösung an, um Risikobeurteilungen an wiederkehrenden ähnlichen Produkten durchzuführen. Gefundene Lösungen, Verweise auf Normen oder Definitionen von Gefahren können in einer Datenbank abgelegt werden. Diese Informationen können bei einer erneuten Risikobeurteilung dann leicht abgerufen werden.

Zur Vorbereitung der Risikobeurteilung empfiehlt es sich, die gesammelten Daten für alle Teilnehmer aufzubereiten und zu strukturieren. Der Projektleiter stellt die wichtigsten Informationen zusammen und stellt sie den restlichen Mitgliedern, die bei der Risikobeurteilung mitwirken, zur Verfügung. Dadurch ist eine zielgerichtete und schnelle Durchführung der Risikobeurteilung möglich.

Ebenfalls muss man sich bereits vor der Risikobeurteilung mit der Personengruppe beschäftigen, welche das Produkt verwenden.

Die möglichen Zielgruppen des Produktes müssen genau beschrieben sein. Denn die jeweiligen Personen, welche die Maschine bedienen, üben auch direkten Einfluss auf den sicheren Betrieb der Maschine aus.

Die Beschreibung der Zielgruppen enthält unter anderem Informationen zu den Qualifikationen, welche Benutzer der Maschine mitbringen müssen. Daraus ergibt sich unter anderem, ob die Nutzer der Betriebsanleitung Kenntnisse von den eingesetzten Fachbegriffen haben. Besitzt die Nutzergruppe keinerlei Wissen, so sind diese Fachbegriffe beim ersten Vorkommen in der Betriebsanleitung ausführlich zu erklären.

Zu den Anwendern der Betriebsanleitung gehören sowohl die Benutzer aber auch weitere Personengruppen wie Servicepersonal oder Wartungsmitarbeiter gilt es zu betrachten.

Bei der Beschreibung der Anwender müssen Informationen spezifiziert werden, welches minimale Ausbildungsniveau die Anwender besitzen müssen. Ist es ausreichend, dass die Anwender ohne Vorkenntnisse die Maschine nach einer Einweisung bedienen oder ist eine bestimmte Ausbildung hierfür Voraussetzung?

Deutsche Maschinenhersteller unterschätzen diesen Punkt vor allem wenn Ihre Maschinen in die USA gehen. In Deutschland setzt man für die Bedienung einer Maschine viel als Vorwissen durch Ausbildung oder Weiterbildung voraus. Die meisten Arbeitnehmer sind in den USA aber nur mehr oder weniger gut angelernt. Eine Jahrzehntelange Erfahrung des Arbeitnehmers bei der Bedienung ist im amerikanischen Arbeitsmarkt sehr selten.

Man sollte daher mittels einer Zielgruppenanalyse genauere Informationen über die Nutzergruppen einholen. Es ist nicht ratsam nur zu spekulieren, wer die Maschine benutzen wird.

Auch Angaben zu körperlichen oder geistige Einschränkungen der Benutzer müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Darf das Produkt durch ältere Menschen, Kinder oder Personen mit Behinderungen genutzt werden?

Bestimmten Personengruppen fällt es schwer eine bestimmte Gefährdungssituation zu erkennen oder einer erkannten Gefahr auszuweichen.

Daher fordern die unterschiedlichen Normen und Richtlinien auch für spezielle Nutzergruppen besondere Anforderungen, die beachtet werden müssen.

So fordert beispielsweise die Norm DIN EN ISO 13857 für Schutzgitter eine speziell engere Maschendichte, falls unter den Endanwendern auch Benutzer unter 14 Jahren dabei sind.

Normen zu recherchieren ist ebenfalls ein Bestandteil der Arbeit, die im Vorfeld der Risikobeurteilung erledigt werden soll. Es sollte ermittelt werden, welche relevanten Normen für das Produkt vorhanden sind. Hierfür sollte eine Recherche in den A- / B- und C- Normen im Zuge der Risikobeurteilung stattfinden.

Meisten beginnt die Suche nach Normen für die hergestellte Maschine mit einer Suche in den Typ-C-Normen. Diese beschreiben Sicherheitsanforderungen für einen bestimmten Maschinentyp. Diese enthalten detaillieren Sicherheitsanforderungen für bestimmte Maschinen oder Gruppen von Maschinen.

So enthält die Norm DIN EN 12717 detaillierte Sicherheitsanforderungen und Schutzmaßnahmen zu Bohrmaschinen. Ebenfalls beschreibt die Norm welche Angaben wie Geräuschangaben in die Betriebsanleitung beschrieben sein müssen. Da andere Maschinentypen in dieser Norm nicht betrachtet werden müssen, können hier Risiken exakter benannt und Maßnahmen zur Risikominderung besser spezifiziert werden.

Maßnahmen und Anforderungen von Typ-C Normen überschreiben zudem die Inhalte von den Grundnormen. Das heißt dort, wo sich die Inhalte aus den A und B-Normen von den C-Normen unterscheiden, gelten nicht mehr die Anforderungen aus den A und B-Normen, sondern diejenigen aus der Typ-C-Norm.

Die Typ B Normen als nächste Quelle behandelt einzelne Sicherheitsaspekte oder Schutzeinrichtungen, die an Maschinen allgemein angewandt werden können.

Beispiel für eine Typ-B-Norm ist die DIN EN ISO 14118 „Sicherheit von Maschinen – Vermeiden von unerwartetem Anlauf“

Diese Norm konkretisiert konstruktive Maßnahmen, die darauf gerichtet sind einen unerwarteten Anlauf einer Maschine zu vermeiden. Damit soll ein sicherer Eingriff von Personen in Gefahrbereiche ermöglicht werden.

An der Spitze der Hierarchie der Sicherheitsnormen liegen die Typ A Normen. Darin finden sich Gestaltungsleitsätze und allgemeinen Sicherheitsaspekte, sowie Anleitungen zur Ermittlung von Risiken, die mit dem Produkt verbunden sind.

Eine bekannte Typ-A-Norm ist die DIN EN ISO 12100 Sicherheit von Maschinen

Die Gestaltungsleitsätze und Grundbegriffe in diesen Normen sind für alle Maschinen gültig. Diese Norm soll dabei helfen, Gefahren noch vor dem Bau einer Maschine zu ermitteln und die Sicherheit der Maschine zu erhöhen.

Zur Recherche von Normen gibt es verschiedenen Möglichkeiten.

Die Internetrecherche ist oft die kostengünstige und schnelle Lösung für die Normenrecherche. Hierfür bieten sich Quellen wie die Normeninstitute DIN und VDE für Deutschland, das AS Institute für Österreich oder die Schweizerische Normen-Vereinigung an.

Eine weitere Möglichkeit ist ein Normenrecherchesystem welches die Datenbanken aus verschiedenen Ländern umfasst, sowie die Daten der europäischen und internationalen Normeninstitute beinhaltet. Durch umfangreichen Suchfunktionen bieten Normenrecherchesysteme den Nutzern einen schnellen und gezielten Zugang zu allen benötigten Informationen. Solche Systeme sind aber lizenzpflichtig und müssen gegen jährliche Gebühren erworben werden.

Ein Mittelweg zwischen Kosten und Nutzen ist die Einschaltung eines Dienstleisters, der Sie bei der Normenrecherche unterstützt.

Bei Bedarf beraten wir Sie hierzu natürlich gerne. Senden Sie uns hierfür einfach eine E-Mail zu oder rufen uns an.

Die Normenrecherche ist zudem ein wichtiger Punkt in der CE-Kennzeichnung. Die während er Risikobeurteilung ermittelten harmonisierten Normen gelten als Grundlage für die Konformitätserklärung. Mit dieser wird erklärt, dass das Produkt mit den wesentlichen Anforderungen der Norm übereinstimmt und daher als „konform“ mit den Normen gilt. Diese Vermutung mittels der Konformitätserklärung wird für die Anbringung des CE-Kennzeichens benötigt.

Zum Abschluss dieser Folge möchte ich noch eine kleine Übersicht über einige gängige Methoden der Risikobeurteilung im Maschinenbau geben.

  • Die FMEA-Methode
    Mit der „Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse“ ermittelt man die Häufigkeit und die Folgen des Ausfalls von bestimmen Elementen einer Maschine. Es geht dabei weniger um Bedienungsfehler, sondern um die technische Zuverlässigkeit aller Maschinenkomponenten. Ziel ist es, möglicher Fehler bereits im Voraus zu identifizieren und abzustellen, anstatt diese später korrigieren zu müssen.
  • WHAT-IF Methode
    Beim WAS-WENN-Verfahren stellt man gezielte Fragen wie beispielsweise was für Auswirkungen der Ausfall einer Maschinenkomponente hat. Dabei werden nicht nur die Konstruktion der Maschine und ihre Steuerung, sondern auch die vorgesehenen Schutzeinrichtungen abgefragt. Auch die Einflüsse der eingesetzten bzw. von der Maschine verarbeiteten Werkstoffe sowie mögliche Fehler des Bedienpersonals werden berücksichtigt.
  • Aufgabenbezogene Risikobeurteilung
    Eine in der Norm DIN EN ISO 12100 empfohlene Methode für die Risikobeurteilung im Maschinenbau. Das Produktleben wird in verschiedene Lebensphasen aufgeteilt und diese wiederum in Aufgaben, welche Tätigkeiten von Personen und/oder automatische Abläufe enthalten. Diese Aufgaben werden dann untersucht und dabei möglicherweise auftretende Gefährdungen ermittelt. Abschließend werden Lösungsansätze für die Gefährdungen entwickelt und dokumentiert. Da diese Methode im Maschinenbau am häufigsten angewendet wird, werden wir in späteren Folgen auf diese Variante auch näher eingehen.

Damit geht die heutige Podcast Folge zu Ende. Als nächstes befasse ich mich mit den einzelnen Schritten der Risikobeurteilung im Maschinenbau. Im groben umfasst das die folgenden Schritte:

  1. Festlegung der sogenannten Grenzen der Maschine: Dazu zählt unter anderem die bestimmungsgemäße Verwendung und ebenfalls die vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung.
  2. Als nächstes die Ermittlung von Gefahren anhand der Lebensphasen einer Maschine und den stattfindenden Tätigkeiten
  3. Dann die Bewertung der Gefahren anhand Ihres Risikos und der Wahrscheinlichkeit des Eintretens
  4. Zum Schluss steht noch die Definition von möglichen Maßnahmen an, um das Gefahrenrisiko auszuschalten oder zu minimieren

Ich werden in den nächsten Podcast Folgen genauer auf die einzelnen Schritte der Risikobeurteilung eingehen.

Ich möchte mich bei Ihnen wieder für das Zuhören bei diesem Podcast zur Risikobeurteilung bedanken.

Ich wünsche Ihnen bis nächste Woche eine gute Zeit und freue mich wenn Sie wieder einschalten.

Auf ein baldiges Wiederhören

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Sehr informative Übersicht zum Thema Risikobeurteilung. Erinnert an einen ehemaligen Arbeitgeber, der einen FMEA Moderator beauftragt hatte. Ich muss sagen, dass wir sehr positive Erfahrungen hatten. Vielen Dank für die Auflistung der gängigen Methoden der Risikobeurteilung.

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