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BA #005 Inhalte der Betriebsanleitung: Kapitel Sicherheit – Sicherheitskapitel

BA #005 Inhalte Der Betriebsanleitung: Kapitel Sicherheit – Sicherheitskapitel

Inhalte der Betriebsanleitung: Kapitel 3 Sicherheit - Sicherheitskapitel

Ein herzliches Willkommen an alle Zuhörerinnen und Zuhörer zu einer neuen Folge unseres Podcasts zur Technischen Dokumentation. Mein Name ist Florian Schmider und ich bin bei der GFT AKADEMIE verantwortlich für den Bereich der Technischen Dokumentation.

Letzte Woche haben wir das Kapitel 2 Beschreibung des Produktes behandelt.

Unser heutiges Thema ist Kapitel 3 „Sicherheit“ – Sicherheitskapitel. Es wird auch „Allgemeine Sicherheitshinweise“ genannt. Wie auch in den letzten Folgen gilt: Sollten Sie die vergangenen Podcasts nicht gehört haben, empfehle ich dies nachzuholen. Ich verweise immer wieder auf Begriffe die in vergangenen Podcasts erklärt wurden, die ich nicht erneut erklären werde, da ansonsten die Podcasts noch umfangreicher und länger werden würden.

Das Sicherheitskapitel, wie es heute vorkommt hat in der Regel seinen Ursprung in den 90er Jahren. Damals gab es die ersten Haftungsklagen in den USA mit sehr hohen Schadenssummen. Aus diesen Haftungsfällen sind zahlreiche Mythen entstanden, die teilweise tatsächlich wahr sind. Dazu gehören die verschiedenen „Katze/Hund/Hamster zum Trocknen in die Mikrowelle legen“, der heiße Kaffee von einem Fastfood-Giganten oder das Wohnmobil, in dessen Anleitung nicht steht, dass man trotz eingeschaltetem Tempomat nicht den Fahrerplatz verlassen darf.

Ein Beispiel was bei fehlenden Sicherheitshinweisen – Sicherheitskapitel passieren kann.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf den Fall des heißen Kaffee eingehen, da dieser Fall tatsächlich wahr ist. Außerdem geht es dabei um die Risikobeurteilung seitens des Fastfood-Giganten und entsprechenden Warnhinweisen, was sich gut auf den technischen Bereich übertragen lässt.

Für alle Arten von Produkten werden in Deutschland und der EU Risikobeurteilungen von Restgefahren gefordert und dieser Fall zeigt schön, wie schnell aus wirtschaftlichen Gründen von Unternehmen Gefahren unterschätzt und fahrlässig mit diesen umgegangen wird.

Risikobeurteilungen (ehemals Gefahrenanalyse genannt) sind ein gefordertes Instrument bei der Erstellung und Konzeption von Maschinen.

Die Klägerin in dem Fall heißt Stella Liebeck und im Internet findet man schnell auch den Namen des verklagten Fastfood-Giganten, sowie den kompletten Fall. Frau Liebeck hat die Klage gewonnen, die tatsächliche Summe, die sie erhalten hat ist jedoch unbekannt, da sie am Ende eine geheime Vergleichsverhandlung mit dem Fastfood-Giganten hatte. Es kursieren jedoch hohe Summen, in denen von mehreren Millionen Dollar gesprochen wird. Die tatsächliche Summe dürfte jedoch geringer gewesen sein.

Nun was genau ist geschehen? Frau Liebeck, 79 Jahre alt; kaufte mit ihrem Enkel im Drive-In des Restaurants Kaffee, ihr Enkel fuhr das Auto. Das Auto stand zum Zeitpunkt des Unfalles still. Frau Liebeck wollte den Deckel des Bechers entfernen, um Milch und Zucker in den Kaffee zu geben. Sie klemmte den Becher dazu zwischen ihre Beine um den Deckel zu lösen. Dabei schüttete sie den Becher in ihren Schoß.

Das Problem: Der Kaffee war zu diesem Zeitpunkt zwischen 180 und 190 ° Fahrenheit heiß, das entspricht einer Temperatur zwischen 80 und 90°C. Flüssigkeiten können bei dieser Temperatur innerhalb von Sekunden zu Verbrennungen 3. Grades führen.

Zur Behandlung werden Hauttransplantationen und Behandlungen benötigt, die sich bildenden Narben sind in der Regel dauerhaft. Hierbei sollte auch das Alter der Klägerin bedacht werden, mit Anfang 80 ist die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Körpers beschränkt.

Frau Liebeck brauchte zwei Jahre, um sich von den Verletzungen zu erholen. Ihre erste Klage war ein Angebot an den Fastfood-Giganten, dass er sich doch bitte an den Behandlungskosten in Höhe von 20.000 Dollar beteiligt. Dies wurde seitens des Unternehmens abgelehnt und es ging vor Gericht.

Ich glaube nicht, dass jemand an dieser Stelle bestreiten möchte, dass die Klage unangebracht war. 90°C heißen Kaffee möchte niemand über sich kippen, egal ob versehentlich oder nicht.

Nun kommen wir zu den Fakten, warum das Gericht Frau Liebeck Recht gegeben hat. Aus meiner Sicht, könnte dies unter diesen Punkten auch in Europa oder Deutschland vorkommen, da das Unternehmen meiner Meinung nach fahrlässig gehandelt hat.

Wo war der Fehler, hätte ein Sicherheitshinweis – Sicherheitskapitel den Unfall verhindert?

Zunächst stellte sich heraus, dass das Unternehmen nicht auf die Zielgruppe, in diesem Fall die Allgemeinheit, geachtet hat. Wer von Ihnen, liebe Zuhörer, würde denn erwarten, dass Sie im Drive-In einen 90°C heißen Kaffee erhalten?

Das ist weit weg, von einem trinkbaren Kaffee. Zudem ist den meisten Personen nicht bewusst, welche Folgen Verbrühungen mit solch heißen Flüssigkeiten haben können.

Oder kurz gesagt: Die Zielgruppe kann das Risiko und dessen Folgen nicht erkennen und abschätzen.

Warum war der Kaffee den so heiß? Der Grund der hohen Temperatur für den Kaffee war, dass sich das Kaffeepulver bei diesen Temperaturen ideal auflöst und so das beste Kosten/Nutzen Ergebnis mit dem Kaffee erzeugt werden konnte.

Außerdem hatten Marketinganalysen zu dem Zeitpunkt ergeben, dass Kaffee der an Drive-In Schaltern gekauft wurde, erst nach 15 Minuten getrunken wurde. Dann sollte er zu diesem Zeitpunkt noch die ideale Trinktemperatur haben. Also wurde der Kaffee extra heiß gebrüht, um in beiden Punkten die beste Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Die Folgen bei Unfällen wurden ignoriert.

Zudem wurde seitens des Fastfood-Unternehmens keine Risikobeurteilung erstellt, sprich er konnte nicht nachweisen, dass er das Risiko erkannt oder eingeschätzt hat. Ein Warnhinweis seitens der Angestellten des Unternehmens oder auf dem Produkt konnte so auch nicht gegeben werden (im englischen gehört dies zu den Safety Instructions).

Zu diesen schwerwiegenden Punkten tauchten noch weitere Nebenkläger mit ähnlichen Verletzungen auf. Insgesamt waren es 700 Fälle. Diese waren dem Fastfood-Unternehmen teilweise bekannt, jedoch hat es dennoch nichts gegen den heißen Kaffee getan. Oder anders gesagt: Es hat seine Produktbeobachtungspflicht ignoriert oder missachtet.

Dies alles sorgte dafür, dass Frau Liebeck den Prozess gewann und in der ersten Instanz wurde ihr ein Strafschadensersatz (im Englischen punitive Damage genannt) in Höhe von 2,9 Millionen Dollar zugesprochen. Dieser Betrag ist übrigens nicht zufällig gewählt, er entsprach damals dem Umsatz von Kaffee, den das Fastfood-Unternehmen täglich erwirtschaftete. Aus meiner Sicht ist dies akzeptabel, wenn man die insgesamt 700 Fälle berücksichtigt und seitens des Unternehmens dies bewusst akzeptierte.

Kommen wir nun wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema. Diese Fälle aus Amerika und die in diesem Zusammenhang fehlenden „Safety Instructions“ Sicherheitshinweise führten dazu, dass die europäischen Hersteller die Sicherheitskapitel einführten.

Was ist denn eigentlich ein Sicherheitskapitel?

In vielen Dokumentationen, die wir von Kunden prüfen, sind diese leider zu häufig eine bloße aneinander Reihung von Sicherheits- und Warnhinweisen. Sinnvolle Texte die Zusammenhänge oder ähnliches erklären, finden wir dabei selten.

Meist sind es Sicherheits- und Warnhinweise im „Warnschild“-Format, nacheinander aufgeführt. Mit Warnschild-Format meine ich hierbei diese Tabellenförmigen Warnhinweise, die meist in gleicher Form direkt auf dem Produkt oder der Maschine angebracht sind.

Wichtiger Hinweis!

Wenn Sie dies kennen oder vielleicht sogar in ihrer eigenen Dokumentation verwenden, empfehle ich Ihnen eine Überarbeitung. Solche Kapitel erfüllen leider keinen Zweck und sind furchtbar zu lesen.

Mit diesem Kapitel müssen Sie auf Ihre Zielgruppe eingehen. Sie müssen sich damit beschäftigen, welche Risiken und Gefahren Ihre Zielgruppen oder Nutzer erkennen können und welche nicht.

Vieles davon ist stark von der eigentlichen Zielgruppe abhängig. Hier spielt auch sehr stark die Ausbildung oder das Wissen mit, dass die Zielgruppe hat. Fachkräfte wie ein Elektriker erkennen die Gefährlichkeit von elektrischem Strom, andere Nutzer unterschätzen diese teilweise gravierend.

Die zentrale Frage hierbei für den Redakteur ist: Vor welchen Gefahren muss ich die Leser warnen und bei welchen kann ich davon ausgehen, dass diese bekannt sind?

Gerade das „welche Gefahren sind bekannt und müssen nicht erklärt werden“ ist ein schweres Thema, umso schwerer, wenn die Zielgruppe nicht definiert ist.

Dass beispielsweise Messer scharf sind, lernen wir schon als Kinder von unseren Eltern. Dort wird nie ein Warnhinweis angebracht werden.

Auf der anderen Seite kann niemand erkennen, ob auf einem Weidezaun Spannung ist oder nicht. Dort empfiehlt sich dann ein Warnhinweis.

Welche Restgefahren es gibt und was die entsprechenden Folgen sind, erfährt der Redakteur aus der Risikobeurteilung. Diese muss dazu jedoch rechtzeitig und vollständig erstellt werden.

Kommen wir nun direkt zu den Inhalten des Sicherheitskapitels. Zunächst gehen wir im Maschinen- und Anlagenbau auf die Sorgfaltspflicht des Betreibers ein. Bei Produkten für die Allgemeinheit gehen wir auf die Wichtigkeit des Kapitels ein und das dies gelesen werden muss.

Besteht ein Produkt aus mehreren Produkten mit zusätzlichen Anleitungen, sollte an dieser Stelle auch darauf eingegangen werden, dass auch diese gelesen und verstanden werden müssen.

Zudem gehen wir hier noch auf das Produkt oder die Maschine ein und dass diese nur verwendet werden darf, wenn sie in technisch, einwandfreiem Zustand ist und sie nur bestimmungsgemäß zu verwenden ist.

Im nächsten Unterkapitel gehen wir auf die Arbeitssicherheit, Personalqualifikation, das zugelassene Personal und notwendige persönliche Schutzausrüstung ein. Die Personalqualifikation beschreiben wir in diesem Zuge so genau und detailliert wie möglich. Sollte es unterschiedliche Fachkräfte wie Elektriker oder ähnliches geben und in der Anleitung genannt werden, werden diese hier ebenfalls einzeln definiert und beschrieben. Das zugelassene Personal ordnen wir den einzelnen Lebensphasen des Produktes zu.

So kann der Leser sehen, wer in welcher Lebensphasen etwas zu tun hat und welche Kenntnisse die Personen benötigen. Zudem ermöglicht es dem Leser, das entsprechend notwendige Personal auch zu planen, wenn beispielsweise der Elektriker nur während der Installation des Produktes benötigt wird.

Bei der persönlichen Schutzausrüstung beschreiben wir die empfohlene Schutzausrüstung, die der Leser beim Umgang mit dem Produkt zu tragen hat. Im gewerblichen Bereich liegt die endgültige Definition der Schutzausrüstung beim Betreiber der Maschine, da dies unter den Arbeitsschutz fällt.

Die persönliche Schutzausrüstung definieren wir mit Piktogramm und einer Erklärung, damit klar zu sehen ist, wie das Piktogramm aussieht, warum die Schutzausrüstung zu tragen ist und vor was sie schützt.

Nach diesen Hinweisen zur allgemeinen Arbeitssicherheit kommen wir zu grundlegenden Hinweisen und Schutzmaßnahmen. Wir gehen hierzu auf die einzelnen Lebensphasen ein, damit die Sicherheits- und Warnhinweise entsprechend geordnet sind.

Durch Fließtext und Hervorhebungen beschreiben wir die auftretenden Gefahren und Risiken sowie die Lösungen und die zu verwendeten Schutzausrüstungen. Dazwischen fügen wir stellenweise Warnhinweise ein, um schwerwiegende Gefahren deutlich zu kennzeichnen.

Wichtiger Hinweis!

Hierbei ist wichtig, das Dokument nicht mit Warnhinweisen durchgehend zuzupflastern. Ein wichtiger Schritt zur Sicherheit von Produkten trägt der Redakteur durch einfache, klar verständliche Sätze und Handlungen bei. Wenn er richtig anleitet, verständlich Gefahren und Risiken erläutert und durch richtige Handlungsabfolgen vermeidet, werden nur wenige Warnhinweise benötigt.

Sind die grundlegenden Hinweise der einzelnen Lebensphasen beschrieben, beschreiben wir im Anschluss die maschinenspezifischen Gefahren. Hiermit sind Gefahren gemeint, die in allen oder vielen Lebensphasen vorkommen. Hierzu gehören beispielsweise elektrischer Strom, Pneumatik oder Hydraulik. Aber auch Lärm, Vibration oder Betriebsstoffe wie Fette und Öle.

Bei diesen Gefahren beschreiben wir deren Ursprung, das richtige Verhalten in den Situationen sowie Lösungen dafür. Für elektrischen Strom gehören dazu die Sicherheitsregeln zum Freischalten und die entsprechende Personalqualifikation.

Sind diese Gefahren ebenfalls beschrieben, erklären wir im letzten Teil des Kapitels die vorhandenen Sicherheits- und Überwachungseinrichtungen sowie Angaben zu Notfällen. Bei den Sicherheits- und Überwachungseinrichtungen führen wir die Wichtigkeit dieser auf, und dass diese nicht demontiert oder deaktiviert werden dürfen.

Im Anschluss werden alle verbauten Sicherheits- und Überwachungseinrichtungen aufgeführt und in Betätigung und Wirkung beschrieben. So beispielsweise wo Not-Halt-Taster vorkommen, dass die Maschine bei Betätigung sofort stoppt und die Maschine dadurch drucklos geschaltet wird. Sollte es dabei Restrisiken geben, werden diese durch eingebettete Sicherheits- und Warnhinweise dargestellt.

Ein Teil des Sicherheitskonzeptes sind auch immer die auf dem Produkt oder Maschine angebrachten Sicherheits- und Warnhinweise. Diese werden in diesem Kapitel ebenfalls aufgeführt, beschrieben und der Anbringungsort über ein Schaubild des Produktes dargestellt.

Zum Schluss des Kapitels ergänzen wir gerne die Angaben zu Notfällen. Hierzu gehört für uns beispielsweise das ordnungsgemäße Verhalten im Notfall. Es ist ein Kapitel, das meist bei Anleitungen für Produkte vorkommt, die Unternehmen für sich selbst fertigen, da so bereits teilweise Informationen für die Betriebsanweisungen des Betreibers erfüllt werden. Jedoch ist dieses Kapitel auch in anderen Bereichen sinnvoll, beispielsweise bei sehr großen Maschinen oder Anlagen, die Hallen füllen können. So kann der Redakteur den Lesern/Nutzern dieser Produkte klar beschreiben, wie sie sich im Notfall verhalten sollen, welche Fluchtwege zu nutzen sind oder wie welche Maßnahmen ergriffen werden können.

Wenn diese ganzen Inhalte und Punkte berücksichtigt werden, entsteht ein sinnvolles und vor allem lesbares Sicherheitskapitel, das seine Leser dabei unterstützt, Gefahren und Risiken zu erkenne und zu umgehen bzw. zu lösen.

Das war es mit unserem heutigen Podcast. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und Sie sind auch wieder beim nächsten Mal dabei. Sollten Sie Fragen haben oder Anregungen zu weiteren Podcast, schreiben Sie diese in die Kommentare oder senden Sie sie uns per E-Mail info@gft-akademie.de zu.

Herzlichen Dank fürs Zuhören, bis zur nächsten Woche.

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