Wenn wir über Maschinensicherheit sprechen, denken viele zuerst an Schutzzäune, trennende Schutzeinrichtungen, Not-Halt oder sichere…
CE#17 Rollen im Nebel (Teil 2): Systemrisiken erkennen – und beherrschen

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podigee. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen„Stellen Sie sich manchmal die Frage, was in einer Risikobeurteilung alles berücksichtigt werden muss – und wer sich eigentlich um Themen wie Blitzschutz, Hochwasser oder Erdbeben kümmert? Genau mit dieser Frage sind wir in Teil 1 gestartet.
In der letzten Folge haben wir die Grundlage gelegt: Wir haben über Rollen gesprochen, über Liefer‑, System‑ und Verantwortungsgrenzen und darüber, warum genau diese Klarheit darüber entscheidet, ob ein Projekt sauber läuft oder später teuer wird.
Heute wird es praktischer. Wir schauen uns an, wie unklare Rollen und Annahmen ganz konkret zu Sicherheitslücken führen können – zum Beispiel bei Blitz und Überspannung, Hochwasser, Erdbeben oder Änderungen an Steuerungen. Und wir sprechen darüber, wie solche Risiken in Systemprojekten entstehen, warum sie oft niemand betrachtet und wie sie sich elegant beherrschen lassen.
Damit steigen wir ein in Teil 2 – und beginnen mit einer entscheidenden Frage:
Wieso sind klare Anforderungen so wichtig?
Gleich vorneweg: Naturereignisse wie Blitz, Hochwasser, Erdbeben oder extreme Temperaturen sind keine Randnotiz. Und es sind auch keine reinen Gebäude- oder Versicherungsfragen. In Wirklichkeit können diese Themen sehr schnell Sicherheitsfunktionen beeinflussen.
Der Kern ist: Wenn äußere Einwirkungen dazu führen können, dass Schutzmaßnahmen ausfallen oder neue Gefährdungen entstehen, dann gehört das in die Systembetrachtung – inklusive Risikobeurteilung, Nachweisen und Dokumentation.
Schauen wir uns das an drei Beispielen an.
Beispiel 1: Blitzeinschlag und Überspannung
Ein Blitzeinschlag muss nicht direkt in die Maschine gehen, um Wirkung zu entfalten.
Überspannungen können über Versorgungsleitungen oder Datenleitungen wirken.
Das wiederum führt zu:
- Ausfall von Sensorik,
- Fehlzuständen in Steuerungen,
- Störungen in sicherheitsbezogenen Funktionen,
- unkontrollierten Wiederanläufen,
- oder dem Verlust von Überwachungsfunktionen.
Und wenn das Projekt mit dem Satz startet „Die Elektroinstallation ist bauseitig“, dann passiert häufig Folgendes: Niemand betrachtet die Systemwirkung.
Wichtig zur Einordnung: Ein Blitzeinschlag selbst ist typischerweise keine direkte Zündquelle im Sinne des Explosionsschutzes, die daraus resultierenden Störungen können aber sehr wohl ATEX‑Schutzmaßnahmen beeinflussen – genau deshalb gehört das Szenario in die Systemrisikobetrachtung.
Der Planer liefert vielleicht ein Blitzschutz- oder Überspannungsschutzkonzept.
Aber wer übersetzt das in Anforderungen an das Gesamtsystem?
Wer prüft, ob Teilprodukte geeignet sind?
Und wer dokumentiert die Voraussetzungen?
Ohne Rollenklärung bleiben diese Fragen offen.
Beispiel 2: Hochwasser
Hochwasser ist nicht nur „Wasser in der Halle“. Es kann bedeuten:
- elektrische Betriebsmittel werden geflutet,
- Schutzarten reichen nicht aus,
- Schaltschränke stehen zu niedrig,
- Entwässerung oder Rückstau wurden nicht bedacht,
- und nach dem Ereignis ist unklar, wie geprüft und wieder angefahren werden darf.
Wenn der Planer „Hochwassergefährdung“ benennt, wird daraus schnell eine Anforderung an Aufstellung, Schutzmaßnahmen und Wiederanlaufkonzept.
Wenn das niemand übernimmt, bleibt es eine Notiz – bis zum Ereignis. Und dann ist es häufig zu spät.
Beispiel 3: Erdbeben oder erhöhte Schwingungsbeanspruchung
In manchen Regionen ist es relevant, in anderen nicht. Aber der Mechanismus ist entscheidend.
Erdbebenanforderungen betreffen:
- Befestigungskonzepte, Standsicherheit
- Rohrleitungsführung, flexible Übergänge
- Schwingungsbeanspruchung für Komponenten
- Ausfallrisiken, Notfallstrategien
Wenn solche Anforderungen vorliegen, muss klar sein: Wer übersetzt das in Spezifikationen? Wer prüft die Eignung? Wer dokumentiert den Nachweis?
Wenn das nicht geklärt ist, endet es oft in Nachrüstungen – kurz vor Abnahme.
Alle 3 Beispiele zeigen: Der Hersteller eines Teilprodukts liefert oft ein Standardprodukt. Ob es unter diesen Randbedingungen geeignet ist, muss geklärt werden. Und wenn es nicht geeignet ist, muss definiert sein: Wer passt an? Wer weist nach? Wer dokumentiert?
Auch das gehört zu dieser Rollenverteilung.
Ein wichtiger Praxiszusatz zu diesen 3 Beispielen: Der „Planer“ hat keine CE‑Pflicht. Er liefert jedoch Annahmen, die Pflichten bei Hersteller/Integrator auslösen. Genau deshalb brauchen wir saubere Annahmen‑ und Schnittstellenlisten.
Du willst die Übersicht über Zuständigkeiten behalten? Dann nutze unsere kostenlose Rollenmatrix für die Technische Dokumentation und kläre Verantwortlichkeiten im Projekt schnell und eindeutig.
Risikokette als Praxisbeispiel
Um das ganze etwas greifbarer und praxisnaher zu bringen, möchte ich es als möglichst reales Szenario verpacken.
Die Ausgangslage:
In einer Halle werden Prozesse betrieben, bei denen Staub entsteht. Dieser Staub ist nicht einfach nur lästig, sondern kann – je nach Stoff und Konzentration – explosionsfähig sein. Es wird daher eine Absaugung oder ein Fördersystem eingesetzt, das staubhaltige Luft oder Staub-Luft-Gemische führt.
In solchen Systemen sind häufig mehrere Schutzkonzepte miteinander verknüpft:
- konstruktive Schutzmaßnahmen, zum Beispiel Druckentlastung oder Entkopplung
- organisatorische Maßnahmen, zum Beispiel Reinigungspläne
- Überwachung, zum Beispiel Druck- oder Funkenüberwachung
- elektrische Maßnahmen, zum Beispiel Erdung und Potentialausgleich
Nun kommt die Frage: Was hat das mit einem Blitzeinschlag zu tun?
Wenn man nur auf einzelne Lieferungen schaut, scheinbar wenig.
Wenn man auf das gesamte System schaut, sehr viel.
Eine mögliche Risikokette kann so aussehen:
- Äußeres Ereignis: Blitzeinschlag oder Überspannung in der Energieversorgung.
- Systemwirkung: Störung oder Ausfall von Steuerung, Sensorik oder Überwachung.
- Folge: Schutzfunktionen sind zeitweise nicht wirksam oder verhalten sich anders als erwartet.
- Prozesszustand: Staubkonzentration und Betriebszustände liegen gerade ungünstig.
- Sekundärereignis: Eine Zündquelle entsteht, oder eine Schutzmaßnahme reagiert nicht wie geplant.
- Ergebnis: Ein Ereignis, das man im Projektstart nie als „Blitzthema“ wahrgenommen hätte, wird zur deutlichen Sicherheitsfrage.
Wichtig: Das heißt nicht, dass jeder Blitz automatisch ein Problem ist.
Es heißt: Wenn die Systemwirkung nicht bewertet und nicht beherrscht wird, entsteht eine Lücke im Sicherheitskonzept.
Und jetzt kommt der „Rollennebel“:
- Der Planer sagt: „Blitzschutz ist vorgesehen.“
- Die Elektroinstallation sagt: „Überspannungsschutz ist eingebaut.“
- Der Lieferant sagt: „Unser Produkt funktioniert bei normaler Versorgung.“
- Der Integrator sagt: „Wir haben alles verbunden.“
- Der Betreiber sagt: „Das wurde doch so abgenommen.“
Aber wer hat die Kette als Kette betrachtet?
Wenn das niemand getan hat, dann ist es keine technische Kleinigkeit, sondern eine systemische Lücke.
Diese Risikokette zeigt eindrücklich, wie äußere Einwirkungen zu sicherheitsrelevanten Folgen führen können, wenn niemand das Gesamtsystem betrachtet.
Und genau solche Mechanismen finden wir nicht nur bei Absauganlagen, sondern in vielen anderen Projekten wieder. Deshalb möchte ich Ihnen jetzt ein paar weitere Beispiele aus der Praxis zeigen – unterschiedliche Szenarien, gleiche Grundprobleme: unklare Rollen, fehlende Annahmen und unscharfe Systemgrenzen.
Muster-Betriebsanleitungen, Vorlagen für Warnhinweise, sowie Checklisten, E-Books und vieles mehr. Besuchen Sie jetzt unseren Online-Shop für die Technische Dokumentation!
Erweiterte Praxisbeispiele aus Projekten (A–D)
Beispiel A – Roboterzelle: Wenn Schutztechnik und Betriebsarten nicht zusammenpassen
Auch bei einer Roboterzelle entsteht selten eine „Einzellieferung“. Ein Lieferant liefert den Roboter, ein anderer den Greifer, die Schutztechnik kommt von einem dritten Anbieter – und die Steuerung programmiert der Integrator. Genau hier beginnt die Systemanfälligkeit.
Mögliche Risikokette:
- Auslöser:
Die Betriebsartenlogik ist zwischen Robotersteuerung, Sicherheitssteuerung und externem Schutzzaun nicht abgestimmt. - Systemwirkung:
- Eine Tür ist mechanisch verriegelt, aber elektrisch falsch eingebunden.
- Der Not‑Halt wirkt nicht durchgängig auf alle sicherheitsrelevanten Antriebe.
- Der Scanner schaltet zwar ab, aber die Rücksetzlogik ist unklar.
- Folge:
Der Roboter kann in einer falschen Betriebsart weiterlaufen oder unerwartet neu anlaufen. - Sekundäres Risiko:
Bediener steht bereits im Schutzbereich oder greift in die Anlage – das Schutzkonzept arbeitet nicht so, wie im Gesamtsystem vorgesehen.
Die Ursachen:
- Die Liefergrenze wurde als Systemgrenze
- Es gab keine Instanz, die Betriebsarten, Not‑Halt und Verriegelungen systemweit zusammengeführt
- Der Integrator war nicht benannt – oder funktional nicht in der Lage, die Gesamtlogik zu bewerten.
Auch hier gilt: Sicherheitsfunktionen müssen systemweit wirken – inklusive Betriebsarten, Verriegelungen, Not‑Halt und Diagnose.
Beispiel B – Steuerungsmodernisierung: „Wir tauschen nur den Schaltschrank“
Ein Klassiker: Man ersetzt einen Schaltschrank, nimmt neue Antriebe, ändert Software – und ist überzeugt, es handle sich um reine Instandhaltung.
Mögliche Risikokette:
- Auslöser:
Neue Antriebe haben andere Reaktionszeiten, andere Diagnosemeldungen und andere Sicherheitsmodule. - Systemwirkung:
- Schutzfunktionen reagieren anders als vorher.
- Betriebsartenumschaltungen wirken anders oder verzögert.
- Sicherheitsketten zeigen neue Abhängigkeiten.
- Folge:
Der Schutzgrad der Maschine ist nicht mehr der gleiche wie vor dem Umbau. - Sekundäres Risiko:
- Stillstände werden anders erkannt.
- Antriebe laufen nach einem Fehler anders aus.
- Die alte Risikobeurteilung gilt nicht mehr.
Ursache:
- Niemand bewertet die Systemwirkung der Änderung.
- Betreiber glaubt an „Instandhaltung“, Lieferant glaubt an „Neumaschine“.
- Es gibt keinen definierten Prozess zur Bewertung von Änderungen.
Wichtiger Hinweis: Solche Eingriffe können zur wesentlichen Veränderung führen. Dann wird derjenige, der die Änderung verantwortet, zum Hersteller der Gesamtheit – mit allen Pflichten (Risikobeurteilung, Unterlagen, Erklärung).
Beispiel C – Medienversorgung: Druckluft & Vakuum als Systemrisiko
Druckluft, Vakuum oder Kühlwasser werden in Projekten gerne als „bauseitige Infrastruktur“ betrachtet. Die Maschinen hängen nur „irgendwie“ dran. Dass die Versorgung bereits ein eigenes System ist, wird nicht beachtet. Aber genau hier entstehen kritische Wechselwirkungen.
Mögliche Risikokette:
- Auslöser:
Die zentrale Druckluftversorgung fällt teilweise aus oder liefert Werte außerhalb des Betriebsbereichs. - Systemwirkung:
- Aktoren schalten nicht sauber.
- Ventile bleiben hängen.
- Sicherheitsfunktionen erreichen ihre Schaltpunkte nicht.
- Unterdruck reicht nicht mehr für Greifer oder Haltesysteme.
- Folge:
Maschinen gehen in undefinierte Zustände – teils sicher, teils unsicher. - Sekundäres Risiko:
- Greifer verlieren Werkstücke.
- Bewegungen stoppen nicht wie vorgesehen.
- Bauteile werden unkontrolliert abgelegt.
- Folgefehler können zu Gefährdungen führen.
Ursache:
- Planer liefert Annahmen, aber niemand übersetzt sie in technische Anforderungen.
- Die Medienversorgung wird als Gebäudetechnik gesehen, obwohl sie Teil der Betriebs- und Schutzfunktionen
- Die Systemgrenze wird falsch gezogen.
Praxis-Tipp: Planer liefern Annahmen, die CE‑Pflichten bei Hersteller/Integrator auslösen. Deshalb in der Annahmenliste verbindlich festhalten: Druckbereiche, Reinheit, Redundanz, Abschaltlogik, Wiederanlauf.
Beispiel D – Hochwasser & elektrische Anlagen: „Das trifft nur den Keller“
Ähnlich wie der Blitz gilt auch Hochwasser oft als „Randthema“. Dabei erzeugen überflutete elektrische Anlagen sehr schnell sicherheitsrelevante Folgewirkungen.
Wenn Schaltschränke, Pumpen oder Steuerungen in gefährdeten Bereichen installiert werden, kann ein Hochwasser zu unkontrolliertem Wiederanlauf oder zu gefährlichen Zuständen führen.
Mögliche Risikokette:
- Auslöser:
Wasser dringt in den Aufstellbereich von Schaltschränken, Pumpen oder Steuerungen ein. - Systemwirkung:
- Bauteile werden feucht oder geflutet.
- Sicherheitssteuerungen fallen aus.
- Diagnosemeldungen sind im Fehlerfall nicht mehr zuverlässig.
- Folge:
Nach einem Hochwasser ist unklar, wie geprüft, gereinigt oder wieder angefahren werden darf. - Sekundäres Risiko:
- Maschinen fahren unkontrolliert wieder an.
- Schutzfunktionen reagieren falsch oder verzögert.
- In Anlagen mit energietechnischen oder chemischen Risiken kann das zu massiven Sicherheitsproblemen führen.
Ursache:
- Planerannahmen wurden nicht in technische Anforderungen übersetzt.
- Schutzarten oder Aufstellungshöhen wurden nicht projektweit verbindlich
- Wiederanlaufkonzepte wurden nie definiert.
Muster-Betriebsanleitungen, Vorlagen für Warnhinweise, sowie Checklisten, E-Books und vieles mehr. Besuchen Sie jetzt unseren Online-Shop für die Technische Dokumentation!
Wo solche Risiken „verschwinden“
Sie haben noch nie von einer solchen Situation gehört? Dann hat entweder jemand seinen Job richtig gut gemacht oder diese Risiken wurden „unter den Teppich gekehrt“. Denn solche Risiken verschwinden typischerweise in einer von drei Schubladen:
- „Das ist Gebäudetechnik.“
Dann fühlt sich der Maschinenlieferant nicht zuständig. - „Das ist Elektro.“
Dann reduziert man es auf Ableiter und vergisst die Systemwirkung. - „Das ist Betreiberverantwortung.“
Dann wird es organisatorisch wegdelegiert, ohne eine Nachweisführung.
Ganz wichtig: Die Lösung ist nicht, dass jeder alles bewertet. Die Lösung ist, dass klar ist, wer Systemrisiken einsammelt, bewertet und Maßnahmen ableitet.
Und das ist typischerweise eine Integratoraufgabe – aber nur dann, wenn diese Rolle vertraglich existiert und mit Pflichten ausgestattet ist.
Fazit für Vertrags- und Dokumentationsanforderungen
Diese Beispiele zeigen deutlich, dass eine klare Rollenverteilung bei solchen Projekten zwingend erforderlich ist, um am Ende ein CE-konformes System zu haben. Nehmen Sie daher die folgenden Punkte in zukünftige Projekte mit auf:
- Es muss eine Annahmenliste In der Annahmenliste muss stehen: Welche äußeren Einwirkungen sind relevant? Blitz? Überspannung? Hochwasser?
- In der Schnittstellenliste muss stehen: Welche Schutzfunktionen hängen an welcher Energieversorgung und welche Ausfallbilder sind relevant?
- In den Abnahmekriterien muss stehen: Welche Nachweise werden vorgelegt, dass Schutzfunktionen auch unter definierten Störungen sicher reagieren oder dass Störungen zu einem sicheren Zustand führen?
- In der Rollenmatrix muss stehen: Wer bewertet das und wer dokumentiert es?
Ja, das klingt nach Aufwand. Ist aber in der Regel deutlich günstiger als Nachrüsten und Streit.
Die Rolle des Technischen Redakteurs
Falls Sie jetzt aber denken: „Ich bin bloß ein technischer Redakteur, das ist nicht mein Job.“ Muss ich Sie in gewisser Weise enttäuschen. Denn gerade die technische Redaktion kann hier eine wichtige Rolle spielen.
Denn Technische Redakteurinnen und Redakteure sind oft die ersten, die merken, dass Rollen unklar sind. Warum?
Weil es sich in Lücken in der Dokumentation zeigt.
Typische Signale sind:
- Es gibt keine klare Aussage zur bestimmungsgemäßen Verwendung des Gesamtsystems.
- Schnittstellen sind nicht beschrieben oder widersprüchlich.
- Es fehlen Annahmen, zum Beispiel zur Umgebung oder zu Infrastruktur.
- Restrisiken werden benannt, aber ohne zu sagen, wer welche Maßnahme umsetzt.
- Lieferantendokumentationen passen nicht zusammen oder widersprechen sich.
Und spätestens, wenn Sie eine Gesamtbetriebsanleitung erstellen sollen, wird klar:
Eine Anleitung kann nicht vollständiger sein als das Projektwissen, das man Ihnen gibt.
Darum ist das Thema Rollenklärung für Technische Dokumentation kein Fremdkörper.
Es ist die Voraussetzung dafür, dass Sie überhaupt eine belastbare Anleitung erstellen können.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Sie müssen nicht die Rolle des Integrators übernehmen, sondern Sie sind die Alarmanlage, die anschlägt, falls es Lücken in der Dokumentation durch unklare Rollen gibt. Sie können das ganze entdecken und melden bevor es zu spät ist.
Du willst die Übersicht über Zuständigkeiten behalten? Dann nutze unsere kostenlose Rollenmatrix für die Technische Dokumentation und kläre Verantwortlichkeiten im Projekt schnell und eindeutig.
Werkzeuge, die in der Praxis wirklich helfen
Um diese Situation von vorneherein zu vermeiden, möchte ich Ihnen außerdem fünf Werkzeuge an die Hand geben, die Sie sehr konkret in Projekten einsetzen können. Dazu habe ich Ihnen Beispiele anhand unserer Absauganlage erstellt, die Sie über die Links herunterladen können.
Werkzeug 1: Rollenmatrix
Die Rollenmatrix ist eine Tabelle: Aufgaben in Zeilen, Rollen in Spalten.
Und pro Aufgabe steht genau eine Stelle als „verantwortlich“.
Im Beispiel stehen wichtige Aufgaben, die in einer CE-nahen Rollenmatrix nicht fehlen sollten:
- Festlegung der Systemgrenze: Was gehört zur Gesamtheit?
- Integration der Sicherheitsfunktionen: Not-Halt, Betriebsarten, Verriegelungen, Überwachung.
- Bewertung äußerer Einwirkungen: Blitz, Hochwasser, Erdbeben, Temperatur, Korrosion – je nach Projekt.
- Zusammenstellung der Technischen Unterlagen.
- Verantwortung für Gesamtbetriebsanleitung oder für klare Integrationsinformationen.
- Abnahmeplanung und Abnahmeprotokoll.
- Regelung des Änderungsprozesses.
Wenn diese Matrix fehlt, haben Sie später viele Diskussionen, wer für was zuständig ist oder war.
Wenn sie existiert, haben Sie zumindest eine gemeinsame Basis.
Werkzeug 2: Annahmenliste
Die Annahmenliste beantwortet dringende Fragen zum Standort:
- Welche Randbedingungen gelten?
- Wer hat diese Randbedingungen geliefert?
- Wer hat sie geprüft und freigegeben?
- Was passiert, wenn sie sich ändern?
Beispiele für Annahmen:
- Netzqualität und Überspannungsschutzkonzept,
- Aufstellorte und Hochwasserannahmen,
- Befestigung und Lastannahmen,
- Umgebungseinflüsse wie Staub, Feuchte, Korrosion,
- organisatorische Rahmenbedingungen, zum Beispiel Wartungsintervalle oder Qualifikation.
Diese Liste ist Gold wert, weil sie später Diskussionen verhindert. Insbesondere wenn es zu Extremsituationen wie in unserem Beispiel kommt. Die Anlage explodiert aufgrund eines Blitzeinschlages. Und wer ist schuld?
Viele Streitpunkte beginnen mit einem Streit über Annahmen, die „doch von vorneherein klar waren“, „die offensichtlich sind, da wir an einem Fluss sind“, usw. Vermeiden wir das mit einer solchen Liste.
Werkzeug 3: Schnittstellenliste
Die Schnittstellenliste ist die Landkarte des Systems.
Sie enthält:
- mechanische Schnittstellen,
- elektrische Schnittstellen,
- steuerungstechnische Schnittstellen,
- medientechnische Schnittstellen,
- sicherheitstechnische Schnittstellen,
- organisatorische Schnittstellen, zum Beispiel Zuständigkeiten für Wartungszugänge oder Freigaben.
Wichtig ist dabei: Pro Schnittstelle definieren Sie Übergabepunkt und Verantwortlichkeit.
So sehen Sie schnell, wo in einem Projekt Dinge zusammenhängen oder übergeben werden. Und können auch bei Änderungen schneller nachvollziehen, welche Bereiche betroffen sind.
Werkzeug 4: Dokumentationspaket
Statt „Der Lieferant liefert eine Anleitung“ brauchen Sie am Ende ein Dokumentationspaket. Es sollte alles beinhalten, was zum neuen System gehört.
Zum Beispiel:
- Betriebsanleitung für das Teilprodukt,
- Montage- und Integrationsinformationen,
- Schnittstellenbeschreibung,
- Angaben zu Voraussetzungen und Grenzen,
- Wartungs- und Prüfkonzept,
- Liste der Restrisiken und der erforderlichen Maßnahmen im Umfeld.
Je nach Projekt kommt hinzu:
- Nachweise zu Schutzfunktionen,
- Prüfprotokolle,
- und ein Abnahmeprotokoll.
Mit einer solchen Checkliste ist schnell ersichtlich, welche Dokumente noch fehlen, wer ggf. eine Bringschuld hat und welche Dokumente für die CE-Kennzeichnung des Systems noch fehlen.
Werkzeug 5: Abnahme- und Änderungsprozess
Eine Abnahme bedeutet nicht „Die Anlage läuft“. Abnahme bedeutet: vereinbarte Kriterien sind erfüllt und dokumentiert.
Dabei ist der Änderungsprozess ebenfalls ein wichtiger Punkt. Denn wie oft ändern sich bei solchen großen Projekten Annahmen und Rahmenbedingungen? Auch das ist häufig ein Problem. Auf den letzten Drücker kommt noch eine neue Funktion hinzu, da etwas übersehen wurde oder der Kunde diese Funktion noch wünscht. Wer kümmert sich darum? Was bedeutet das für die Verantwortlichkeiten und Kosten?
Dieses Dokument muss daher beinhalten:
- Welche Kriterien sind Abnahmerelevant?
- Wie werden diese überprüft und dokumentiert?
- Wer ist bei der Abnahme dabei?
- Bis wann dürfen Änderungen eingereicht werden?
- Wer bewertet Auswirkungen der neuen Änderungen?
- Wer aktualisiert die Unterlagen?
- Wer gibt Änderungen frei?
Wenn diese Punkte nicht klar geregelt sind, wird es Änderungen bis kurz vor Abnahme geben, Fristen können nicht eingehalten werden und ganz am Ende steht die Frage: Wer steht dafür gerade und wer bezahlt das ganze? Diskussionen sind dabei vorprogrammiert, und zwar bei jeder Änderung.
Das Endet nicht nach der Abnahme. Denn wenn später etwas am System verändert wird, kann diese Änderung dazu führen, dass eine wesentliche Veränderung vorliegt. Und der Betreiber wird zum Hersteller. Auch hier sollte klar geregelt werden, wer etwas ändert und wer welche Rollen Inne hat.
Abschluss: Rollenklärung ist Sicherheitsarbeit
Wie Sie sehen, ist die Rollenklärung in solchen Projekten extrem wichtig. Wenn Rollen unsauber sind, ist das nicht nur ein Vertragsproblem. Es kann ein Sicherheitsproblem werden.
Denn viele Risiken entstehen nicht, weil jemand schlechte Technik baut, sondern weil niemand die Verantwortung für das Zusammenspiel übernimmt.
Und der Planer ist dabei kein Randakteur.
Er liefert Annahmen, die in Anforderungen, Maßnahmen und Dokumentation übersetzt werden müssen – gerade bei Naturereignissen wie Blitz, Hochwasser oder Erdbeben.
Und technische Redakteurinnen und Redakteure sind nicht „nur die, die schreiben“.
Sie sind oft die ersten, die Lücken sehen – weil Lücken sich in der Dokumentation zeigen.
Wenn Sie also gerade ein Projekt starten – egal ob neue Halle, neue Linie, Modernisierung oder Erweiterung – dann nehmen Sie sich die Zeit für:
- Das definieren der Systemgrenze
- Die Festlegung der Rollenmatrix
- Die Erstellung einer Annahmenliste
- Die Erstellung einer Schnittstellenliste
- Die Vereinbarung der Abnahmekriterien
- Die Festlegung des Änderungsprozesses
Das klingt nach Bürokratie. In Wahrheit ist es Projektbeschleunigung, weil Sie spätere Schleifen vermeiden.


